SZ 23.03.2026
14:16 Uhr

Daniela Groß aus Landsberg am Lech: Grün, Frau, jung, Landrätin – das gab es in Bayern noch nie


Die 37-jährige Daniela Groß entscheidet in Landsberg am Lech die Stichwahl gegen den CSU-Amtsträger mit deutlichem Abstand für sich – ein Coup. Wie ist ihr das gelungen?

Daniela Groß aus Landsberg am Lech: Grün, Frau, jung, Landrätin – das gab es in Bayern noch nie
Daniela Groß hat im Wahlkampf auch viel auf Heimatverbundenheit gesetzt. Passend dazu: das Dirndl-Outfit. Foto: Conny Kurz

Sie hat jetzt sogar einen Wikipedia-Eintrag. Dort zu lesen: Name, Geburtstag, ein bisschen politische Vita – insgesamt aber noch nicht besonders viel gemessen an der historischen Tragweite der Entscheidung. Denn im Landkreis Landsberg am Lech wurde Daniela Groß bei der Stichwahl am Sonntag zur Landrätin gewählt – als vorläufig einzige grüne Amtsinhaberin in Bayern. Und vor allem: als erste grüne Frau in einem solchen Amt überhaupt im Freistaat.

Auf einem Landratsposten hatten die Grünen bislang Wolfgang Rzehak in Miesbach und den jetzt scheidenden Jens Marco Scherf in Miltenberg. Die Dritte im Bunde ist nun also Daniela Groß. Die 37-Jährige hat politisch eine Blitzkarriere hingelegt. Erst 2019 ist sie bei den Grünen eingetreten, aus Frust über das Gebaren der „alten, weißen Männer“ – Putin, Orbán, Erdoğan, damals auch schon Trump. Schon im Jahr darauf wurde sie in den Landsberger Stadtrat und in den dortigen Kreistag gewählt. Und nun also: Landrätin – noch einmal eine Sprosse höher auf der politischen Leiter.

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Besonders lang ging es am Sonntag trotzdem nicht. Und das, obwohl die Grünen mit dem OB-Coup von Dominik Krause in München oder dem Sieg von Gerhard Schoder in Neuburg an der Donau noch etwas anderes zu feiern gehabt hätten. Um halb eins aber war die Party vorbei. Alkohol, das sei nicht so ihr Thema, sagt Groß. Lieber geht sie Joggen im Landsberger Wildpark. Wobei der sportliche Ausgleich im Wahlkampf quasi ausgefallen ist. Groß hat schließlich auch noch einen Job: In Türkheim im benachbarten Unterallgäu leitet die gelernte Verwaltungswirtin derzeit noch das Ordnungsamt der dortigen Verwaltungsgemeinschaft. Und sie hat Familie: Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter, im Grundschul- und Kindergartenalter.

Ohne familiäre Unterstützung hätte das alles nicht funktioniert, sagt Groß. Allgemein ist sie sehr heimatverbunden. Ihre Familie ist seit Generationen in dem Landkreis verwurzelt, dem sie künftig vorstehen wird. Ihr Opa hat in Landsberg die Bäckerei Fischer gegründet, einen kleinen Familienbetrieb, wie es ihn nur noch selten gibt, mit nur einer Filiale in der Altstadt.

In ihrer Jugend habe sie das auch ein bisschen genervt, hat Groß mal in einem Podcast erzählt. Während andere einen Onkel in Hamburg besuchten, war es bei ihr immer: Landsberg, Landsberg, Landsberg. Inzwischen fühle sie sich mit ihrem Geburtsort aber sehr verbunden. Sie hat dort eine Kleidertauschbörse aufgebaut und setzt sich in einer überparteilichen Initiative für die Einrichtung eines Frauenhauses ein.

Einen dezidiert grünen Anstrich wird das Landsberger Landratsamt offenbar nicht bekommen. Natürlich hat auch Groß ein paar Themen auf der Liste, die zum klassischen Profil der Partei gehören, den ÖPNV zum Beispiel. Da seien manche Gemeinden schon arg abgehängt, sagt Groß. Oder die Reaktivierung der Fuchstalbahn, auch so ein Thema in der Region. Aber schon im Wahlkampf ist sie nicht ideologisch aufgetreten. Ihre Plakate waren blau statt grün. Als Erstes, sagt Groß, gehe es ihr nun darum, im Landratsamt das Betriebsklima und die Abläufe zu verbessern.

Für die Grünen in Bayern können die Kommunalwahlen durchaus als Stärkung gelten. Beim amtlichen Endergebnis in den Räten haben sie zwar fast vier Prozentpunkte im Vergleich zu 2020 verloren, bleiben aber mit 13,6 Prozent zweitstärkste Kommunalpartei. Das schaffe trotz des schlechten Trends etwa bei Umfragen zur Landtagswahl weiterhin Sichtbarkeit in der Fläche, dies habe ebenso wie die neuen Amtsträger „eine psychologische Wirkung“, hieß es in Grünen-Kreisen. Allen voran die Wahl von Dominik Krause zum Münchner Oberbürgermeister, was nach Würzburg Großstadt Nummer zwei in grüner Hand bedeutet. In Parteikreisen hört man stolz: Auch der Aufbau zur Regierungspartei in Baden-Württemberg habe über die Städte begonnen, Freiburg, Tübingen und so weiter.

Aber auch die neue Landrätin habe die wichtige Symbolwirkung, dass die Grünen kommunal durchaus verankert sind. Der grüne Vize-Präsident des Landtags und frühere Fraktionschef Ludwig Hartmann, der aus der Region Landsberg kommt, jubelte: „Dieser Erfolg zeigt: Veränderung ist möglich.“

Wer hat sich im zweiten Wahlgang als Bürgermeister oder Landrat durchgesetzt? Ein Überblick in Karten und Grafiken.

Groß kann sich bei ihrer neuen Aufgabe auf großen Rückhalt stützen. 61,5 Prozent der Kreuzchen gingen an sie. Der scheidende Landrat Thomas Eichinger (CSU) wurde speziell im zweiten Wahlgang richtig abgestraft. Der Vorwurf, er habe sich mit den letztlich per Bürgerentscheid gestoppten Plänen für einen Neubau des Landratsamts vor allem selbst ein Denkmal setzen wollen, wirkte offenbar nach. Eichinger bekam nur 38,5 Prozent der Stimmen - und das, obwohl Ministerpräsident Markus Söder auch ihm versucht hatte, einen Leberkäs-Anschub zu geben. „Aber Amtsbonus und CSU, das reicht eben nicht mehr“, sagt Groß.

In den nächsten sechs Jahren entscheidet sich nun, was Daniela Groß dann in ihrem Wikipedia-Profil stehen haben wird. Aus ihrem Social-Media-Wahlkampf könnte man schon einmal ableiten: Lieblingsfarbe Dunkelblau, Schwäche für Schokoriegel – alles Weitere muss man sehen.

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